Ausstellung
28.11.2025 - 21.02.2026
Marijan Sebastian Meier
Aventurescence
tragbare Kunst / experimentelle Mode
Der englische Titel der Ausstellung
Aventurescence
,
deutsch Aventureszenz,
ist der Fachbegriff fr einen funkelnden
optischen Effekt, der bestimmten Edel-
steinen ein glitzerndes Aussehen verleiht,
wenn sie sich im Licht bewegen. Er be-
schreibt auf wundervolle Weise wie
Brüche auch einen wundervollen Glanz
hervorrufen können.
Marijan Sebastian Meier hat einen
künstlerischen Ansatz mit der Mode umzu-
gehen. Er beobachtet Phänomene in der
Architektur, der Kultur und im menschlichen
Wesen und bersetzt sie in Kleidersprache.
Ausgehend vom
Architekturstil des
Brutalismus
, dessen monolithische, funktionale Bauweise ge-
prägt ist von rohem Beton, klarer Geometrie und einer „Ehrlichkeit der Materialien“ spannt er ei-
nen Bogen indem er diese formale Strenge mit der symbolischen Auseinandersetzung von inne-
ren Seelenzuständen verknüpft.
Der Brutalismus ist eine Architekturströmung, in der die Funktionalität kompromisslos im Vor-
dergrund steht. Gebäude werden nicht gestaltet, um zu gefallen, sondern um ihre Nutzung,
Konstruktion und innere Struktur offen sichtbar zu machen. Tragende Elemente bleiben erkenn-
bar, Materialien werden nicht verkleidet oder verziert. Beton, Stahl oder Ziegel zeigen ihre natür-
liche Textur, ihre Farbe und ihre Unregelmäßigkeiten. Es ist ein Prinzip, das als „Ehrlichkeit der
Materialien“ bezeichnet wird. Diese radikale Offenheit verbindet den Brutalismus mit einer avant-
gardistischen Haltung. Er löst sich bewusst von gewohnten ästhetischen Erwartungen und stellt
die Struktur ber das Ornament. „Form folgt Funktion“ ist seine gestalterische Konsequenz.
Kleidung dagegen ist nicht nur Funktion oder Hlle. Sie ist auch keine Dekoration, sondern steht in direktem Be-
zug zum Körper, einem zentralen Element der Mode. Sie berhrt Fragen von Innen und Außen, von Selbstwahr-
nehmung und Fremdwahrnehmung. Der Körper wird zur Schnittstelle zwischen individueller Identität und so-
zialem Raum. Jeder Mensch kommt frher oder später mit Mode in Berhrung. Sei es aus Interesse, aus rein funk-
tionalen Gründen oder auch aus bewusster Ablehnung. In jedem Fall wird sie Teil der eigenen Identität.
Diese Elemente fügt er zu einer Kollektion zusammen, die Brutalismus und Mode über das gemeinsame Funda-
ment der Struktur, Architektur, Körper, Emotionen und kulturelles Erbe, zu einer vielschichtigen Untersuchung
von Identitätsformung verbindet.
Die Materialwahl unterstützt diesen Ansatz. Klassische Stoffe wie Wolle, Nadelstreifen, Seide, Leinen oder Strick
treffen auf rohe Haptik und unverarbeitete Säume (Die Ehrlichkeit der Materialien). Manche Stoffe bleiben nahe-
zu unbeeinflusst, andere werden gezielt manipuliert, um Stand und Strenge zu erzeugen. Die reduzierte Farb-
palette aus Grau und Schwarz lenkt den Fokus auf Silhouette und Linienführung.
Geschlechtszuschreibungen werden bewusst aufgelöst. Weiblich und männlich konnotierte Merkmale wie eine
hohe Taille, markante Schultern, Anzugstoffe oder Corsagen verschmelzen zu hybriden Formen. Verstellbare
Passformen und neutrale Farbgebung ermöglichen vielfältige Tragweisen jenseits klarer Zuordnungen.
Auch die Accessoires erweitern dieses Geflecht aus Bezgen. Silberschmuck greift anatomische Strukturen wie
Brustkorb, Adern oder Augen auf und bersetzt diese in Formen, die vom Surrealismus inspiriert wurden. Kultur-
elle Einflsse aus Folkloretraditionen des Balkans, insbesondere aus dem serbischen Kulturraum, fließen ein.
Münzschmuck als Symbol für Schutz, kulturelles Erbe und familiäre Weitergabe verbindet persönliche Geschich-
te und Spiritualität mit kollektiver Erinnerung. Identität erscheint nicht als starres Konstrukt, sondern als Schicht-
ung unterschiedlicher historischer, sozialer und emotionaler Strukturen.
Während die Architektur ihre Tragwerke offenlegt, kann auch ein Kleidungsstck seine „rohen“ Merkmale zeigen.
Diese Offenheit erzeugt einen Kontrast in der Komplexität zwischen äußerer Klarheit und innerer Vielschichtig-
keit. Kleidung kann dabei sowohl Schutz als auch Ausdruck sein. Die Auseinandersetzung mit Identität ist dabei
ein zentraler Prozess. Reale Gefühle, Unsicherheiten oder innere Konflikte werden nicht verdeckt, sondern
transformiert und ästhetisch verarbeitet. Ähnlich wie der Surrealismus, eine Kunstströmung des 20. Jahrhun-
derts, löst sich dieser Ansatz vom Gewohnten und eröffnet neue Denk- und Wahrnehmungsräume. Kunst und
Mode wird zur Lebenskunst und zur bewussten Gestaltung des eigenen Seins.
Strukturen spielen hierbei auf mehreren Ebenen eine Rolle. Es gibt architektonische Strukturen, textile Strukturen,
körperliche Strukturen und auch soziale Strukturen. Sie alle beeinflussen sich gegenseitig. Durch die Kombina-
tion dieser unterschiedlichen Systeme entsteht eine Symbiose aus Design und Bedeutung. Metaphern und
symbolische Elemente übertragen ein Thema in einen neuen Kontext. Subtiles Storytelling schafft eine eigene
Sphäre, die Aufmerksamkeit erzeugt, ohne plakativ zu wirken. Es geht nicht um direkte Konfrontation, sondern
um ein sensibles Sichtbarmachen.
Das Verarbeiten der eigenen Persönlichkeit kann tiefe
innere Schluchten mit sich bringen. Es ist nicht immer
leicht sich mit Wahrheiten, Gefühlen oder Depressi-
onen auseinander zu setzen. Doch ohne diese be-
wusste Erarbeitung ist kein Wachstum möglich. Dabei
muss diese Auseinandersetzung nicht ausschließlich
negativ sein. Die Arbeit zeigt, dass auch tieferliegende
Probleme ästhetisch transformiert und in etwas Sicht-
bares, vielleicht sogar Schönes überführt werden
können.
Ein passendes Bild dafür ist eben genau dieser Re-
flexionseffekt, die
Aventureszenz,
der Edelsteine und
Titelgeber dieser Arbeiten. Ein metallisches Glitzern
entsteht durch Risse, winzige Mineralplättchen oder
eingeschlossene Partikel im Inneren des Materials.
Was zunächst als Bruch oder Unreinheit erscheint,
wird zur Quelle von Licht und Reflexion. Auch innere
Risse und Erfahrungen formen letztlich das, was nach
außen als eigene Identität strahlt.
Text: Marijan Sebastian Meier und Sunčana Dulić,
Photos: Ola Rebisz
atelier D
Leitung: Suncana Dulic, Rohrteichstraße 30a, 33602 Bielefeld
Tel: 0521-58495420